„Tag der Identität“ ankündigt (Freie Presse, 5.8.2011)

Zwar sank 2010 der Anteil, den Gewalttaten im Verhältnis zu Propaganda-Delikten ausmachten. Doch nach Einschätzung von Verfassungsschutz-Sprecher Alrik Bauer überschritt die Brutalität rechtsextremer Täter eine neue Schwelle, als im Mai 2010 an einer Geithainer Tankstelle der 15-jährige Sebastian Köhler* per Tritt und Fausthieb niedergestreckt wurde. Ärzte im Klinikum mussten mit einer Not-OP um sein Leben kämpfen.
Das Opfer kannte den aus Lunzenau stammenden rechtsextremen Angreifer gar nicht. Doch war auf einer einschlägigen Internetseite zuvor eine Hatz auf das Opfer mit der Punkerfrisur veranstaltet, sein Name samt Adresse genannt, sein Foto gezeigt worden. „Wir kriegen dich“ schmierten Unbekannte an die Garage seines Elternhauses. Da beim Angriff seine Stirn zertrümmert wurde, trägt der Junge seither eine Titanplatte im Kopf. Seine Mutter hat die Initiative „weltoffenes Geithain“ ins Leben gerufen, die gegen Rechtsextremismus vorgeht, gewaltfrei aber lautstark. Im Fokus der Initiative steht auch der 22-jährige Manuel Tripp vom rechtsextremen Freien Netz. Der adrett gescheitelte Jura-Student sitzt für die NPD im Geithainer Stadtrat. Auf den fast tödlichen Überfall angesprochen, beteuert er, er distanziere sich von jeder Gewalt.

Mike Schröder zückt ein Flugblatt, das einen von der NPD veranstalteten „Tag der Identität“ ankündigt. Auf seiner Stadtrats-Website wirbt Tripp für das Ereignis, das am 13. August im Bürgerhaus stattfinden soll, inklusive Open-Air-Konzert. „Nicht zu fassen, wenn das erlaubt wird“, schimpft Schröder und verweist auf eingeladene Bands. „Priorität 18″ heißt die erste, ein beim Verfassungsschutz bekannter Name. Nach dessen Bericht wird bei Konzerten der Band mit Hitlergruß salutiert und „Sieg Heil“ skandiert. Die zweite Band „Burning hate“ fordert handfeste Bekenntnisse: Im Titel „Jagdsaison“ heißt es: „Die Waffe durchgeladen. Jetzt gehst du los und streifst durch Nacht und Nebel. … Du hast dein Opfer schwer getroffen. Er liegt am Boden, blutend und benommen. Du zückst ein Messer. Ein Stich. Es ist tot.“ Das Album mit dem Lied wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert. „Der Tonträger darf nicht öffentlich beworben, verkauft und abgespielt werden, erklärt Verfassungsschutz-Sprecher Alrik Bauer. Ausschlaggebend sei sein „gewaltbefürwortender Inhalt“.

Zwischen seinem Bekenntnis gegen Gewalt und der Werbung für zu Gewalt anstiftende Bands sieht Tripp keinen Widerspruch: „Musik setzt eher auf Provokation als politische Argumente“, sagt er auf Anfrage. Die Stadtverwaltung Geithain reagierte. Die Veranstaltung im Bürgerhaus wurde abgelehnt, nach „umfassender Prüfung“, wie Bürgermeisterin Romy Bauer (CDU) betont: „Das angekündigte Programm gibt Anlass zur Besorgnis.“

Tripps Ankündigung, gegen die Ablehnung vorzugehen, nimmt die Ortschefin gelassen. Vom rechtsextremen Spektrum wird sie ohnehin angefeindet, seit sie im Ortsteil Syhra nach mehrfacher Sachbeschädigung einen Jugendklub der Szene schließen ließ. „Nach dem Beschluss, den Klub zu schließen, wurden mir am Auto die Scheiben zerschlagen“, sagt Romy Bauer. Auf rechtsextremen Websites brüstete man sich mit der Tat. „Ich habe Anzeige erstattet“, sagt Bauer. (*Namen der Opfer geändert)


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